Die ersten 5 Monate meines zweiten Lebens als Fotograf waren gespickt mit unzähligen glücklichen Momenten. Vor, hinter und ohne Kamera. Es waren Monate voll von Leben, Magie, Kreativität, Freude, Musik, Begegnungen, Spannung, Wissensdurst. Ein Aufbruch zu neuen Ufern mit Updates für vieles, vor allem aber für mich. Die Eiszeit schien zu Ende …

Am 24. April bin ich in meiner alten Heimat am Zürichsee. Es ist ein warmer Frühlingstag und in einem wunderschönen alten Bauernhaus, voll mit Kunst, unzähligen Erinnerungen an ein bewegtes Leben, thailändischen Altären und einer Märklin Modelleisenbahn, fotografiere für den Blog «Dein Adieu» Peter R. Schwegler. Durch ein Melanom verlor Peter sein linkes Auge und der Krebs bedroht wieder. Jetzt die Zunge und nicht nur das.
Knapp einen Monat später treffe ich Peter wieder in einem Hotel in Lauenförde. Zusammen mit dem Autor Martin Schuppli begleiten wir ihn und am nächsten Tag soll ich fotografieren, wie er sich einer photodynamischen Therapie unterzieht, wie mit Laser der Krebs «erschossen» wird. Eine Herausforderung für mich und zwar in jeder Beziehung. Nicht das erste Mal an diesem Tag und nicht das letzte Mal in den folgenden Tagen frage ich mich, ob ich mir das auch antun würde.

 Am 22. Mai sind wir wieder in Kassel. Dort wo der Nazi lebt, der knapp 14 Tage später einen Politiker erschiessen wird, welcher sich für Flüchtlinge eingesetzt hat …

... für einmal vor dem Auslöser ...

Schon lange vorher freue ich mich auf den 3. Mai. An diesem Tag würde ich die Hochzeit von Kim und Daniela fotografieren dürfen. Meine Vorbereitungen für diesen Auftrag sind äusserst seriös. Batterien, Akkus, Blitze, Kameras. Alles mehr als einmal vorhanden und was ich nicht habe, miete ich dazu. Ich bin, wie es sich für einen tauchenden Fotografen gehört, redundant aufgestellt. Doch ein Problem habe ich wenige Tage vor der Hochzeit noch immer. Was soll ich anziehen?
Meine roten, gelben oder meine hellen Jeans sind zwar gewaschen, aber die «gehen gar nicht»! Noch heute erinnere ich mich an jenen Tag im März 1983, als mir wegen fehlender Krawatte der Zutritt in den Nationalratssaal verweigert wurde und da Kleider nicht nur Leute, sondern auch Fotografen machen habe ich eigentlich nur zwei Möglichkeiten. Entweder sofort vom Blitz erschlagen werden oder auf meine Lieblingsmodeberaterin hoffen. Danke Manu, nicht nur für diese Beratung.

 Am gleichen 27. April wird eine Umfrage veröffentlicht, in der sich 78 % der FDP-Mitglieder dafür aussprechen, dass sich ihre Partei in Zukunft «ganz generell» mehr für Klima- und Umweltschutz einsetzen soll …

... voll offene Blende und Blitz Profoto A1 ...

Das zärtliche, gewagt hemmungslose Spiel mit meinen spiegellosen und vollformatigen «Z’s» im Zusammenspiel mit den neuen A1 hat mich voll in seinen Bann gezogen. Nicht in meinen übermütigsten Träumen habe ich mir je vorstellen können, dass ich am 14. Juni mit dem zweiten Blitz von Profoto meine gesamte Fotoausrüstung innerhalb von 5 Monaten von 12 Jahre alt und voll «strange» auf den neusten Stand und voll «cool» würde bringen könnte. Es waren, sind und bleiben magische Momente, die ich mit viel Demut, ganz viel Dankbarkeit und mit lausbübischem Übermut geniessen darf.

Wie auch jene Momente am E-Prix, mit Martin beim Bilder aufhängen in Walenstadt, zusammen mit Anisch & the PowerDanceGroup, hinten auf dem Lastwagen zusammen mit der Ghüderfrau oder beim Konzert der Gardeners@Westside. Und ja, die grösste Party von Bern, als YB den Meistertitel zusammen mit den Fans feierte, war auch dabei.

 Am 26. Mai war übrigens auch die Europawahl. Einige Stunden später wird eine Frau unter äusserst tatkräftiger Mithilfe durch ihren Vorgänger weggemobbt sein …

... auf der Jagd und immer hungrig ...

Nach vielen Terminen im Inselspital wird am 28. Mai aus der vorläufig provisorischen eine endgültige Diagnose. Ich habe Prostatakrebs. Der schon lange erwartete Tiefschlag mitten in den Magen, mitten in mein Leben, ist Realität geworden. Und ehrlich, gross erstaunt hat mich das nicht. Eigentlich passt es ja auch total zu mir und meinem Lebenslauf. Warum sollte gerade ich einmal für längere Zeit privat zufrieden und beruflich glücklich sein dürfen?
Was ich zu Anfang mit reflektieren, Gelassenheit und dem mir eigenen Sarkasmus verarbeiten konnte, hat mich letzte Woche mit voller Wucht eingeholt und einmal mehr aus der Bahn geworfen. Rien ne vas plus! Ich bin erschöpft und mag nicht mehr kämpfen.

Das Leben ist nicht fair und happiness is a warm gun – yes it is …

 Am 29. Juni wird Carola Rackete, die Kapitänin des Flüchtlings-Rettungsschiffs «Sea-Watch 3», nach dem Andocken im Hafen der italienischen Insel Lampedusa festgenommen …

Kategorien: Blog

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